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Nekromantie
Aus einem Flugblatt der „Bruderschaft der Totenkunst“
Von „Selbstbeschränkung der Magier“ reden sie, vom „Einsatz der arkanen Kräfte nur zum Schutz und Nutzen der Allgemeinheit“, von einer Verpflichtung gar, dieser Allgemeinheit zu dienen. Oh, wie bescheiden sind sie, die mächtigen Magier der Fakultäten, und wie gut!
Wirklich? Nein! Ihnen geht es nur um eines: Um Macht. Absolute, rücksichtslose, völlige Macht, flüchtig verhüllt vom Mantel der Güte. Der Beweis? Nun, verlangt nicht ein jeder Magister magicae von seinen Adepten, ein jeder Dekan von seinen Studenten absolute Unterwerfung? Totalen Gehorsam? Und wird dennoch nicht auch er von den Erzmagistern geknechtet? Hat nicht jeder vorgesetzte Magier vollen Zugriff auf das Vermögen, ja, sogar das Wissen seiner Schüler, die wohl besser „Sklaven“ hiessen?
Wir wollen nicht verhehlen, dass auch wir, die Beherrscher der Totenkunst, nach Macht streben. Nach Macht – nicht nach Herrschaft! Uns ist es egal, was andere tun. Jeder von uns hat seine eigenen Ziele, seine eigenen Träume, und niemandem fiele es ein, die Träume eines Collega verbieten zu wollen! Einzig der Schutz unserer Gemeinschaft ist eine Verpflichtung für uns – aber keine Verpflichtung, etwas zu tun, sondern nur eine Verpflichtung, etwas zu lassen.
Und selbstverständlich wird kaum ein Meister der Totenkunst einem Lernwilligen etwas umsonst beibringen. Es gibt bei uns keine Lehr-Pflicht. Wer unsere Kraft und Arbeit in Anspruch nimmt, der hat dafür meist auch eine Gegenleistung zu erbringen. Nur: Welcher Art diese ist, das entscheidet jeder Collega für sich. Der Schüler ist frei zu wählen, ob, von wem und was er lernt. Und er muss dafür auch selbst die Verantwortung tragen – es gibt bei den Beherrschern der Totenkunst keine „Hierarchie“, keinen „Vorgesetzten“, an den man Entscheidungen abgeben kann, für die man selbst zu faul oder zu feige ist.
Oh, natürlich ist diese Erklärung zu Freiheit und Selbstverantwortung den Herren der Fakultäten ein Dorn im Auge. Würde doch ein Umsichgreifen unserer Ideen ihre Macht, ihre Herrschaft, ihren Wohlstand zerbröckeln lassen. Deshalb werden sie auch nicht müde, die Bruderschaft zu verunglimpfen, wo sie eine Möglichkeit dazu sehen.
Nekromantie ist böse, verdirbt“ - dies aus dem Munde eines Verderbten, der nur an seiner dekadenten Herrschaft und ihrer Erhaltung interessiert ist, zeigt sich geradezu als Kompliment! Sicher, es gibt Brüder und Schwestern, die viel Leid brachten. Aber das sind Einzelfälle. Und: Ist ein König schlecht, weil er Vorkehrungen trifft, keinem Attentat zum Opfer zu fallen, weil andere nach seinem Thron gieren? Oder muss man ihn nach seinen Taten messen?
So wie es freundliche und unfreundliche Menschen gibt, gibt es auch „gute“ und „böse“ Totenkünstler. Wir erheben uns nicht über das Volk, aus dem wir kommen, auch nicht von unserem Anspruch her. Wir sind Menschen, Halbelfen, Dunkelelfen, mit all ihren guten und schlechten Seiten, mit ihren Stärken und Schwächen. Wir behaupten nicht, hehre Lichtgestalten zu sein, die nur dem Guten dienen – und wir scheffeln dabei nicht im Zwielicht Macht und Reichtum.
Wenn also Ihr, Magier, Eure Freiheit höher schätzt als das vage Versprechen auf Macht, wenn Ihr selber denken wollt und nicht als Sklave vegetieren, dann überlegt wohl, wem Ihr Euer Vertrauen schenkt! Nicht jeder wird von der Bruderschaft angenommen – denn wir wissen wohl, dass es auf der Welt nur so von Spionen und Saboteuren wimmelt. Mag sein, dass Ihr keiner von jenen seid, und trotzdem abgelehnt werdet – doch dann werdet Ihr das verstehen.
Wollt Ihr zu uns kommen, so sucht Euch einen Bruder oder eine Schwester. Keinen „Grossmeister“ oder so etwas – das gibt es bei uns nicht. Er oder sie wird Euch der Prüfung des Willens und des Herzens unterziehen, wenn er oder sie das will, und möglicherweise dann beginnen, Euch auszubilden. Im Laufe der Zeit werdet Ihr andere der Bruderschaft kennen lernen. Und es steht Euch frei, einen jeden von ihnen um Unterweisung zu bitten – und seinen oder ihren Preis zu zahlen.
Der Weg des Totenkünstlers ist der Weg der Macht und der Eigenverantwortung, der Freiheit. Und der Gefahr. Denn die Tyrannen der Fakultäten sind Eure geborenen Feinde. Erwehrt Euch ihrer und erfreut Euch an dem, was Euch Freude bringt. Ihr seid niemandem verantwortlich als den Göttern, wenn Ihr an welche glaubt – und Eurem eigenen Gewissen!